Warum wir glauben, erst alles erledigen zu müssen, bevor wir leben dürfen
- Julia Vivell
- 29. Juni
- 2 Min. Lesezeit

„Wenn endlich wieder etwas Ruhe einkehrt …“
Kennst du diesen Gedanken?
Wenn die Kinder größer sind.
Wenn der Urlaub vorbei ist.
Wenn der neue Job gefunden ist.
Wenn die Wohnung endlich aufgeräumt ist.
Wenn dieses eine Projekt abgeschlossen ist.
Dann nehme ich mir Zeit für mich.
Dann fange ich wieder an zu leben.
Viele von uns verschieben das Leben immer wieder in die Zukunft.
Nicht, weil wir unser Leben nicht mögen.
Sondern weil wir glauben, erst alles andere erledigen zu müssen.
Dabei gibt es immer noch etwas.
Eine Aufgabe.
Eine Verpflichtung.
Ein Termin.
Ein Problem, das gelöst werden will.
Und so vergeht ein Tag.
Eine Woche.
Ein Jahr.
Irgendwann stellen wir fest, dass wir ständig auf einen Zeitpunkt gewartet haben, der nie gekommen ist.
Das Leben beginnt nicht nach der letzten To-do-Liste.
Es findet mitten im Chaos statt.
Mitten zwischen Wäschebergen.
Mitten in der beruflichen Neuorientierung.
Mitten in den Wechseljahren.
Mitten in einer Beziehung, die gerade Fragen aufwirft.
Mitten in einem Alltag, der selten perfekt ist.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl.
Du sagst dir:
"Wenn ich das noch geschafft habe, dann gönne ich mir eine Pause."
Doch kaum ist diese Aufgabe erledigt, wartet schon die nächste.
Nicht, weil du etwas falsch machst.
Sondern weil das Leben nie komplett fertig organisiert sein wird.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung deshalb gar nicht darin, irgendwann alles geschafft zu haben.
Vielleicht besteht sie darin, sich mitten im Unfertigen das Leben zu erlauben.
Einen Spaziergang, obwohl der Haushalt noch wartet.
Ein gutes Buch, obwohl die E-Mails noch unbeantwortet sind.
Ein Treffen mit einer Freundin, obwohl die To-do-Liste noch lang ist.
Nicht, weil die Aufgaben unwichtig wären.
Sondern weil du wichtig bist.
Wir warten oft auf den perfekten Moment.
Doch der perfekte Moment hat eine unangenehme Eigenschaft:
Er verschiebt sich immer wieder.
Vielleicht braucht es deshalb eine neue Frage.
Nicht:
„Wann habe ich endlich alles erledigt?“
Sondern:
„Wie kann ich heute ein kleines Stück leben – auch wenn noch längst nicht alles erledigt ist?“
Denn vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Funktionieren und Leben.
Nicht, dass plötzlich alles leichter wird.
Sondern dass wir aufhören, unser Leben auf später zu verschieben.
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